Ich habe ein solches, wenn auch dieses Jahr ganz anders. Russisch eben. Aber wichtig ist ja nicht unbedingt, dass man Weihnachten jeder Jahr nach genau dem gleichen Muster feiert, sondern dass Ruhe und Besinnung einkehren. Und diese Attribute lassen sich auch hier Moskau finden, trotz aller Hektik und trotz der Tatsache, dass hier wegen der Vorzeitigkeit unseres Festes eigentlich noch so gar keine Weihnachtsstimmung herrscht.
Für mich gehört zu Weihnachten auch eine Weihnachtsmesse, angesichts der Örtlichkeit haben wir uns für eine russisch-orthodoxe entschieden. Russisch-orthodoxe Kirchen sind eine Pracht. Alle Wände sind mit Ikonen und sonstigen Heiligenbildern ausgeschmückt, ohne dass man jedoch das Gefühl hat, es würde einen erschlagen. Die morgendliche Messe war sehr schön, wenn auch ziemlich anders. Während des drei- oder sogar noch mehrstündigen Gottesdienstes ist ein ständiges Kommen und Gehen. Einige, vor allem alte Frauen, bleiben oft die ganze Zeit, andere kommen, gesellen sich zu den anderen stehenden Zuhörern, lauschen den Priestern, verrichten ihre Gebete und gehen wieder. Auch wenn ich nichts von dem Gesagten verstanden habe und es eigentlich auch kein besonderer Gottesdienst war, so kam doch das Gefühl von Weihnachten auf. Etwas ungewohnt war für mich nur, dass die Priester nicht mit und zu den Menschen gesprochen haben, sondern die ganze Zeit, während der wir da waren, in Richtung Altar gebetet haben und daher den Gläubigen ständig den Rücken zugewandt hatten.
Nach dem Gottestdienst haben wir uns dann noch Sergej Posad, eine mittelalterliche Klosteranlage etwas außerhalb von Moskau, angeschaut. Und da es inzwischen endlich etwas geschneit hat, war da endlich auch ein Stückchen des gesuchten russischen Wintermärchens. Leider war die dortige Hauptkirche gesperrt, es fand dort gerade eine Teufelsaustreibung statt. So jedenfalls haben es uns unsere russischen Freunde, die mit uns gefahren waren, erklärt.
Einen krönenden Abschluss fand der Weihnachtstag mit dem Besuch des Bolschoi-Theaters. Wir hatten Karten für "Eugen Onegin", eine der großen russischen Opern, Text von Puschkin, Musik von Tschaikowski. Es war ein Genuss. Eine sehr klassische Aufführung, mit Kostümen und Bühnenbild wie bei der Uraufführung vor 125 Jahren und einem Ensemble, das nicht zu Unrecht Weltruhm genießt.
Alles in allem: Ein wunderschönes Weihnachtsfest, besinnlich und ohne Stress, und das trotz oder vielleicht gerade wegen der Andersartigkeit.
Und heute abend gegen 23 Uhr gehts dann mit dem Nachtbus raus in die russische Provinz, um dort für drei Tage zu leben, wie es ein Großteil der Russen tatsächlich (immer noch) tut. Denn auch die Russen versichern immer wieder: Moskau und Petersburg - das ist nicht Russland!
Berichterstattung folgt.
