Sonntag, November 19, 2006

Kulturgenuß in Moskau

Die Kulturlandschaft in Moskau ist zu Recht in aller Welt berühmt. Es ist schon erstaunlich, was es hier alles an Angeboten gibt. Aber noch erstaunlicher ist aus meiner Sicht, wie stark frequentiert die hiesigen Angebote sind. Während man in Deutschland ja öfter mal in einem halbleeren Saal sitzt und auch die Anbieter recht häufig über mangelndes Interesse klagen, kann ich dies hier nicht beobachten. Im Gegenteil. Wenn man nicht schnell genug ist, bekommt man keine Karten mehr, egal wofür. Und obwohl hier die Karten zum Teil einem Monatslohn entsprechen, sieht man auch viele "normale" Leute im Publikum. Kunst füllt zwar nicht den Magen oder Ofen, scheint aber für viele Russen trotzdem ein notwendiges Lebenselixier zu sein.

Nachdem unser hiesiges Leben nun so langsam in geregelten Bahnen verläuft, haben wir endlich auch Zeit und Muße, das tolle Kulturangebot Moskaus etwas mehr auszuprobieren. So waren Lisa und ich, begleitet von zwei sehr netten Russinnen, die Lisa auf einer ihrer Wanderungen kennengelernt hatte, letzte Woche zum Beispiel in der Tretjakow-Galerie. Und haben uns dort von Olga und Mascha die Schätze der russischen Malerei erklären lassen, auf Russisch. Und zu unser aller Erstaunen ging das recht gut. Tja, Kunst spricht wohl doch eine eigene Sprache.

Konzerttechnisch fing unser Kulturgenuß schon mal vor gut drei Wochen mit einem Besuch des Moskauer Konservatoriums an, wo wir uns Arien und Lieder verschiedener Komponisten anhören wollten, vorgetragen von einer Sopran-Solistin und einer Pianistin. Leider muss ich sagen, dass dieser Abend eher ein Reinfall war. Die Sängerin war ziemlich grauslich (einhellige Meinung innerhalb unserer Gruppe): sie traf kaum einen Ton, gebärdete sich dafür aber umso gezierter und warf alle paar Minuten ihre blonde Mähne und den recht üppigen Busen auf der Bühne von einer Seite auf die andere, als wäre sie DIE Starattraktion Moskau schlechthin. Wir haben dann ein wenig spekuliert, wie sie den Bühnenauftritt bekommen hat, mit dem Ergebnis, dass auch die Russen in unserer Gruppe auf zwei verschiedene Varianten getippt haben.

Aber das hat uns trotzdem nicht abschrecken können, zumal uns versichert wurde, dass dies eigentlich nicht dem Niveau des Moskauer Konservatoriums entspricht. Daher probieren wir es diesen Freitag noch einmal aus, diesmal im großen Saal mit dem Staatlichen Nachwuchs-Sinfonie-Orchester. Gespielt wird Tschaikowski und Mozart - das dürfte eigentlich nichts schief gehen.

Und da wir gerade im Kartenkaufrausch waren und wir zudem die Zeit, die uns noch bleibt, gut nutzen müssen, haben wir uns gleich noch nach Opern- bzw. Balletkarten umgeschaut. Für die Klassiker "Nussknacker" bzw. "Schwanensee" waren Karten leider nur ab 100 Euro zu haben, was leider unseren finanziellen Mitteln nicht so ganz entspricht. Aber dafür schauen wir uns in zwei Wochen "Nabucco" von Verdi an. Und am 24. 12. dann "Eugen Onegin" von Tschaikowski. Kann es bei einem Weihnachten in Russland etwas schöneres geben, als am 24.12. im Bolschoi-Theater die Kunst der beiden größten Russen, Puschkin (Autor des "Eugen Onegin") und Tschaikowski, zu genießen?!

Dienstag, November 07, 2006

Es hat endlich "Klick" gemacht!

Entgegen meiner sonst hervorragenden Tiefschlafgewohnheit bin ich heute mitten in der Nacht aufgewacht. Der Grund: ich habe Russisch gedacht bzw. geträumt. Nun, das ist ja eigentlich noch kein Grund aufzuwachen. Aber wenn ich mich recht erinnere, hat mein vorhandes Russisch-Vokabular beim Träumen irgendwie nicht ausgereicht und das hat mich offensichtlich unruhig werden und aufwachen lassen. Und auch kurz nach dem Aufwachen habe ich weiter auf Russisch gedacht, allerdings nur leider nur sehr einfach. Die Worte wollten partout nur auf Russisch und nicht auf Deutsch kommen, waren dabei aber so einfach, dass ich immer und immer wieder dasselbe gedacht habe: Ich kann auf Russisch denken! Ich kann russisch denken! :-)

Und dann habe ich gleich den Verifikationstest gemacht, ob das auch heißt, dass ich endlich auch alles verstehe. Ich hab mir die Kopfhörer meinens IPODs aufgesetzt und einige russische Podcasts der Deutschen Welle-Online, die ich mir vor kurzen drauf geladen habe, angehört. Und? Nun, alles habe ich (leider immer noch) nicht verstanden. aber was schon da war, war das Gefühl, jetzt nicht mehr jedes Wort bzw. jeden Satz übersetzen zu müssen, sondern die Worte reihten sich wie im Deutschen in einem sinnvollen - verständlichen - Zusammenhang aneinander. Zwischendurch tauchten immer mal wieder Worte auf, die ich nicht wußte, aber ich habe trotzdem den Sinn des Gehörten verstanden - trotz der sehr schnellen Sprechgewindigkeit.

Tja, nach gut zwei Monaten ist also offensichtlich wirklich endlich der Moment gekommen, an dem es "Klick" gemacht hat. Ich hatte, ehrlich gesagt, schon fast die Hoffnung verloren. Wie ich heute beim Aufwachen gemerkt habe, heißt das zwar noch lange nicht, dass ich damit auch alles verstehen und sprechen kann, aber die nächste Stufe scheint erreicht zu sein. Das macht Mut, um die bestimmt auch weiterhin auftretenden Schwierigkeiten und Frustmomente zu überstehen.

Und da ich jetzt nicht mehr schlafen kann, es aber erst kurz nach sechs in der Frühe ist, werde ich mir das Kinder-Buch schnappen, das mir meine Russisch-Lehrerin gestern geben hat, und erfahren können, welche Abenteuer "Onkel Fjodor, der Hund und der Kater" so erleben.

Samstag, November 04, 2006

Die Pforten der Macht öffnen sich

In Russland ist alles möglich. Das habe ich wieder einmal - diesmal zum Glück im positiven Sinne - erleben dürfe. Die Pforten der Macht, hier die der russischen Staatsduma (d.h. des russischen Parlaments) werde sich öffnen - für mich und für andere Deutsche, die Lust und Interesse haben, ein Praktikum bei einem russischen Abgeordneten der Staatsduma zu machen.

Was heißt das?

Für mich konkret, dass ich im Februar/März bei einer Duma-Abgeordneten namens Alaexandra Burataeva mein (im Rahmen des Masterstudiums obligatorisches) Praktikum absolvieren werde und auch bis dahin wohl während der ganzen Zeit immer mal wieder in der Duma sein werden.

Für zehn andere Deutsche, dass auch sie ab nächstes Frühjahr jährlich einen Monat lang in der Duma ein Praktikum machen und erfahren dürfen, ob und wie die parlamentarische Demokratie in Russland funktioniert.

Und wie ist das alles gekommen?

Das ist eine etwas längere Geschichte, die ich versuchen will, hier in der notwendigen Kürze wiederzugeben.
Angefangen hat alles mit dem Petersburger Dialog in Dresden, auf dem ich vor kurzem die Ehre hatte, eingeladen zu sein. Teilnehmer in unserer Arbeitsgruppe der "Zukunftswerkstatt" waren u.a. zwei Duma-Abgeordnete, darunter auch genannte Frau Alexandra Burataeva. Soweit so gut. In der Pause kam ich dann mit Frau Burataeva ins Gespräch und dabei erzählte sie mir, dass sie derzeit versucht, ein Programm zu initiieren, mittels dessen junge Deutsche ein Praktikum in der Duma absolvieren können, entsprechend des deutschen "Internationalen Parlaments-Praktikum" (IPP), das bereits seit 1993 junge Russen in den Bundestag einlädt und das nun auf gegenseitiger Basis ausgebaut werden soll.

Mein noch unorganisiertes eigenes Pflichtpraktikum im Hinterkopf habe ich dann bei Frau Burataeva etwas näher nachgefragt, was das genau für ein Programm sein soll und dabei sind wir auch auf meine eigene Arbeit im Bundestag und die Erfahrungen mit IPP-Stipendiaten zu sprechen gekommen. Mit dem Ergebnis, dass wir verabredet haben, dass ich mich nach meiner Rückkehr nach Moskau bei ihr melden soll. Dann können wir uns ja mal treffen und noch etwas genauer über eine mögliche Zusammenarbeit reden bzw. zunächst Ideen austauschen, zumal Anfang November eine deutsche Bundestagdelegation just wegen dieses Programms nach Moskau kommen wird. Gesagt, getan. Als ich wieder in Moskau war, habe ich gleich eine Mail geschrieben, allerdings auf Englisch, da mein aktives Russisch ja noch etwas "einfach" ist. (Wir haben in Dresden halb Englisch, halb Russisch gesprochen.) Und dann zog die Zeit ins Land. Die Tage vergingen, ohne dass ich etwas von Frau Burataeva gehört habe. Und ich habe mich irgendwie auch nicht so recht getraut, dort noch einmal telefonisch nachzuhaken. Vielleicht war unser Gespräch auf dem Petersburger Dialog ja doch nicht so verbindlich gewesen.

Und am Dienstagabend dieser Woche bekam ich plötzlich einen Anruf, von Frau Burataeva persönlich. Sie fragte, ob ich nicht Lust hätte, am Donnerstag bei dem Gespräch mit der deutschen Bundestagsdelegation teilzunehmen. Ich war sehr erstaunt und sagte ihr auch, dass ich mit dem Kontakt angesichts der ausgebliebenen Antwort gar nicht mehr gerechnet hätte. Sie meinte, dass sie keine Email bekommen hätte, was sie am nächsten Tag nach einer Rückfrage in ihrem Büro dahingehend ergänzte, dass die Mail wohl angekommen, ihr aber nicht vorgelegt worden war. Der für die Bürokommunikation zuständige Mitarbeiter kann leider kein Englisch und hat daher meine Mail noch unbearbeitet im Posteingang liegen lassen.

Das Treffen am Donnerstag mit der deutschen Delegation war dann aus meiner Sicht ein voller Erfolg. Es wurde vereinbart, dass im nächsten Frühjahr zehn junge Deutsche ein Stipendium für ein zunächst einmonatiges Praktikum bei der Duma bekommen, das ähnlich wie beim deutschen Programm sowohl für die Unterkunft, die Anreise als auch die hiesigen Lebenshaltungskosten aufkommt. Die weiteren und genauen Details müssen noch ausgearbeitet und konkretisiert werden. Eine Aufgabe, die - wie wir vereinbart haben - zum Teil auch in meinen Händen liegen. Aber die deutsche Seite hat ihre volle Unterstützung und Hilfe zugesagt, die von russischer Seite auch gern angenommen wurde, mit der gegenseitigen Bestätigung, dass man ja das Rad nicht jedes Mal neu erfinden müsse. Also ich muss sagen, wenn alle Abgeordneten in der Duma so offen und kompetent sind wie Frau Burataewa, dann mache ich mir um die Demokratie in Russland keine Sorge.

Ich bin wirklich gespannt, wie das alles werden wird und freue mich schon riesig darauf, nach dem deutschen nun auch das russische Parlament etwas genauer kennenlernen zu dürfen. Eine kurze Führung durch die Duma habe ich am Donnerstag schon bekommen, aber hinter die Kulissen schauen zu können, wird ungleich spannender werden.

Fortsetzung folgt (hoffentlich).

Mehr zum IPP unter: http://bundestag.de/jugend/ausprog/ipp/index.html


Montag, Oktober 30, 2006

Der Winter ist da...

Pünktlich zur gestrigen Umstellung von der Sommer- zur Winterzeit, die uns auch hier in Moskau eine zusätzliche Stunde bescherrt hat, ist auch das dazugehörige Wetter eingetroffen. Gestern abend fielen die ersten Schneeflocken und heute morgen sieht das dann so aus, bei -2 Grad...

Dienstag, Oktober 24, 2006

Russischer Studienalltag

Der Alltag ist eingekehrt, sowohl im allgemeinen als auch im studienbesonderen. Daher gibt's zur Zeit auch wenig Neues hier aus Moskau. Aber irgendwie ist das auch schön. Jeden Tag die gleiche Runde, und am Ende kommt dann hoffentlich fließendes Russisch und ein guter Studienabschluß bei raus. Allerdings gibt's beides auch nicht umsonst. Haus- und sonstige Arbeiten gibt es viele und regelmäßig, sowohl für die inhaltlichen Studienfächer als auch den begleitenden Russischkurs.

Apropos Hausarbeiten. Heute habe ich mal wieder einen sehr krassen Unterschied zwischem dem deutschen und dem russischen Uni-System feststellen können. Es betrifft den Umgang mit den Studenten. Heute ging es darum, dass wohl einige Studenten für die Zwischenhausarbeiten, die wir zur letzten Stunde abzuliefern hatten, Plagiate abgegeben haben. Nun, das kommt ja auch in Deutschland vor. Aber die Leute wurden hier vor der gesamten Klasse namentlich benannt und sie mußten sich vor allen rechtfertigen! Das würde in Deutschland so wohl eher nicht vorkommen, sondern man würde die betreffenden Studenten zu dem Professor zitieren und das dann dort im Zwei-Augen-Gespräch klären, ggf. mit den notwendigen Konsequenzen. Ich weiß nicht, ob wir nicht in Deutschland manchmal zu "politisch korrekt" sind, aber die öffentliche Bloßstellung heute war schon etwas befremdlich.

An diesen Vorfall schloss sich dann das Verlesen der Namen der übrigen Kursteilnehmer mit den dazu gehörenden Noten an, allerdings ohne vorherige Befragung, ob alle damit einverstanden wären. Bei uns in Deutschland geht man zumeist den anonymen Weg über die Matrikelnummer, die man dann an irgendeinem Aushang mit den dazugehörigen Noten erfahren kann.

Ein weiterer Unterschied: knapp die Hälfte der Klasse hatte eine "Fünf", hier die beste Note bekommen, der Rest hatte zumeist eine gute oder schlechte "Vier" (bei uns also eine 2). Durchgefallen war keiner, natürlich bis auf die drei Plagierenden.

Und schließlich ein allerletzter Unterschied: die Korrektur unserer Hausarbeiten hat genau eine Woche gedauert. Letzte Woche abgegeben, diese Woche wiederbekommen. Das hab ich in Deutschland während meines gesamten Studiums nicht erlebt!

Dienstag, Oktober 17, 2006

Osama & Co - befremdliche russische Souvenirs

In Russland ist alles möglich. Was für Politik und Wirtschaft gilt, gilt erst recht für den privaten Lebensbereich. Es gibt nichts, was man nicht kaufen kann, anfangen bei den superteuren glitzernden Luxusprodukten aller Art über ganz verschiedene, nicht immer legale Dienstleistungsangebote bis hin zu solch profanen Dingen wie Souveniren.

Untenstehende Merkwürdigkeit habe ich auf meinem letzten Spaziergang über den alten Arbat, der Touristenmeile von Moskau, gefunden. Wer kauft sich denn bittschön so was?!

Montag, Oktober 16, 2006

Eine Stunde mit Putin und Merkel

Ja, ich habe Putin und Merkel getroffen. Oder besser gesagt gesehen, denn angesichts der Entfernung und der Kürze der Zeit war es eher ein "Begucken aus der Ferne".

Geschehen ist diese denkwürdige Begegnung auf dem "Petersburger Dialog", der letzte Woche in Dresden stattfand und auf dem ich die Ehre hatte, eingeladen zu sein. Der "Petersburger Dialog" ist ein Forum für den (offenen und ggf. kritischen) Dialog zwischen den Zivilgesellschaften Russlands und Deutschlands, bestehend aus Vertretern aller Teilbereiche wie z.B. Wirtschaft, Medien, Kultur, Politik etc. In der Kanzlerschaft Schröders war der Dialog weniger offen und konstruktiv, sondern diente eher als Selbstbeweihräucherung der jeweiligen Regierungen, immer betonend wie positiv und perfekt die beiderseitigen Beziehungen doch seien.

Diese Lobhudelei hat sich mit der neuen deutschen Regierungschefin nun wieder in einen (potentiell) offenen und kritischen Dialog verwandelt, in dem zwar die positiven Aspekte der Partnerschaft durchaus angemerkt, die kritischen Punkte im Gegenzug jedoch genausowenig ausgespart werden. So waren zum Beispiel in diesem Jahr zum ersten Mal Vertreter regimekritischer russischer Nichtregierungsorgansationen (z.B. Memorial) eingeladen und auch sonst war die Atmosphäre von viel Offenheit sowie zum Teil auch herber Kritik, in beiderlei Richtung, geprägt . Das war für das jeweilige Gegenüber nicht immer ganz angenehm, wurde jedoch dennoch von fast allen als überwiegend konstruktiv bewertet.

Und wo waren da jetzt Putin und Merkel? Nun, die beiden Regierungschefs waren natürlich nicht die ganze Zeit dabei, sondern gaben sich (nur) auf der Abschlußkonferenz für eine Stunde die Ehre. Aber auch diese kurze Stippvisite war sehr aufschlußreich, weniger die jeweiligen Ansprachen, sondern eher das, war man in den Reden zumeist nicht mitbekommt - die Chemie, die drumherum herrschte. Und die war meines Erachtens schon recht positiv und entspannt. Putin und Merkel schienen sich ganz gut zu verstehen und recht häufig miteinander zu scherzen. Manchmal wurde auch Gorbatschow miteinbezogen. Es scheint doch recht hilfreich zu sein, wenn der Gegenüber die Sprache des anderen beherrscht und kein Dolmetscher von Nöten ist.