Dienstag, September 05, 2006

Studieren in Russland

... ist schon ein wenig anders. Ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, ob das Anderssein auf Russland zurückzuführen ist oder doch eher auf das MGIMO selbst. Wahrscheinlich ist das MGIMO so eine Sache für sich, selbst in Russland.

Da sind zum einen die Studenten und ihre Kleiderordnung: 16-20-jährige Männer oder doch eher Jünglinge, die in zumeist in etwas zu großen Armani oder sonstigen Nobelmarken-Anzügen in die Vorlesung kommen bzw. das weibliche Pendant dazu, bei welchen sehr sehr kurze Miniröcke oder enge Hosen und Pfennigabsätze vorherrschend sind. Alles in allem ein im Vergleich zu deutschen Unis ungewohnter Anblick.

Was die Inhalte der Vorlesungen bzw. Seminare betrifft, so scheint es hier doch sehr große Unterschiede zu geben. Bei den 3 Veranstaltungen, die ich bisher hatte, konnte ich eine sehr große Spannbreite feststellen. Das fing an bei der wohl eher klassischen Frontalvariante eines ca. 45-jährigen Russen alter Schule, der die ganze Stunde selbst und ohne Punkt und Komma redete und dann für seine Prüfung wie üblich vorher die 15 bis 20 relevanten Prüfungsfragen ausgeben wird (inklusive der erwarteten Antworten), die dann von den Studenten auswendig zu lernen und in der Prüfung schriftlich wiederzugeben sind. Das andere Extrem war ein wie ich fand sehr offenes Seminar einer Professorin im gleichen Alter, die jedoch gleich zu Anfang ankündigte, dass sie für ihre Klausur vorher keine fertigen Fragen ausgeben wird und in ihren Veranstaltungen vor allem eines erwarte, dass die Studenten selbst denken. Die dritte Vorlesung war so ein Zwischending von einer recht offenen ca. 25-jährigen Dozentin, die Methodik bei uns unterrichtet, allerdings in etwas anderer Hinsicht, als ich es aus Deutschland kenne. Aber zumindest schien auch sie zu erwarten, dass die Studenten nicht nur vorgefertigte Meinungen wiedergeben, sondern selbst denken und entsprechend ihre Arbeiten verfassen.

Die während und am Ende des Semesters abzuliefernden Arbeiten. Das ist ein Punkt, der mich heute zugegebener Weise ziemlich erschreckt hat, denn der Umfang ist enorm. In den zwei eher als Seminar denn als Vorlesung gestalteten Veranstaltungen müssen jeweils wir 2 bis 4 Referate halten, drei schriftliche Arbeiten (Analysen, Buchrezensionen u.ä.) von jeweils ca 2-5 Seiten verfassen und am Ende eine Abschlußarbeit von 1,5 Stunden schreiben. Wenn das in den anderen Veranstaltungen ähnlich ist, wird das ein kaum zu bewältigender Berg von Arbeit, zumal wir für jede Stunde auch noch vorbereitende Lektüre (ca. 10 und 30 Seiten pro Fach) zu lesen haben. Zur Zeit brauche ich noch ca. eine Stunde Lesezeit pro Seite (inkl. Wörter-im Wörterbuch-Nachschlagen). Ich versuche besser gar nicht erst auszurechnen, was das in der Gesamtheit ergibt. Ob und wann ich dann zum Schlafen komme bzw. Moskau und Umgebung erkunden kann, bleibt abzuwarten. Da hilft dann wieder mal nur noch der Rückgriff auf die alte russische Weiheit: "Все будет" ("Alles wird").

1 Kommentar:

Tocqueville hat gesagt…

Liebe Bea,

so bewahrheitet sich wieder, dass man erst weit in die Ferne ziehen muss, um die (akademische) Schönheit der Heimat richtig wertschaetzen zu koennen?!

Deine Ausfuehrungen hoeren sich auf jeden Fall sehr spannend an und haben mich sogar schon zu dem Gedanken verleitet, ob wir nicht fuer unseren Lehrauftrag die ein oder andere Lehrmethode aus Moskau uebernehmen sollten?!

Allerdings beschleichen mich gewisse Aengste, dass du ggf. nicht zu der Vollendung deiner Hausarbeit - geschweige zur Weiterbearbeitung deiner Magisterarbeit - kommen koenntest?! Wie weit bist du denn? Tut mir leid, dass ich dir keinen Kommentar mehr zu deinen Ausarbeitungen schicken konnte. Gelesen habe ich die Seiten vor meinem Abflug nach Taiwan zwar, aber fuer eine Replik hat es nicht mehr gereicht! Merde!

Herzlichen Gruss aus Berlin und "Kopf hoch!", wie wir hier den Russlandreisenden traditionell zurufen!

Olaf