Heute hab ich mich mal wieder über eine dieser russischen, nicht immer nachvollziehbaren Vorschriften, derer es leider viele gibt, so richtig geärgert.
Passiert ist folgendes: Seit Tagen brüte ich über einer Arbeit, die wir für die Uni zu schreiben haben. Das Thema lautet: "Mein Plan für eine effektive Waffenkontrolle". So allgemein wie sich das anhört, soll es auch sein. Wir sollen im Fach "Internationale Sicherheit" unseren höchsteigenen Plan zu Papier bringen, wie man erreichen könnte, das es eine bessere Rüstungskontrolle auf der Welt gibt. Also, was sich ganze Herrscharen von Diplomaten und sonstigen Experten seit Jahrzehnten vergeblich zum Ziel gesetzt haben, auch wir sollen uns daran versuchen und ein kurzes Essay von 1-2 Seiten dazu schreiben. Nun ja, soweit, so gut.
Nachdem ich das erste Papier, welches wir für diesen Prof. zu schreiben hatten, beim letzten Mal auf Englisch aufgegeben habe (ich darf zur Zeit in einigen Fächern meine Arbeiten noch auf Englisch schreiben), hat dieser Prof. diesmal darum gebeten, dass auch ich meine Arbeit auf Russisch abgebe. Fair enough. Abgabetermin ist morgen früh im Kurs. Und bei dem hiesigen Arbeitspensum habe ich mich, wie das meistens so ist, natürlich auch erst wieder auf den letzten Drücker an die Arbeit gemacht. Das meiste habe ich in Nachtarbeiten daheim zu Papier gebracht, aber die letzten Zeilen dann erst heute im Computerraum der Uni. Und während ich so sitze und arbeite, erscheint plötzlich eine Warnung (natürlich auf Russisch) auf meinem Computer. Und ehe ich schnell genug lesen konnte, was da steht, fährt auch schon mein Computer runter. Ich war gerade auf der letzten Seite der Übersetzung meiner Arbeit vom Deutschen ins Russische, die dank eines tollen Internet-Übersetzungsprogramms doch relativ unproblematisch von Statten gegangen war. Andererseits hatte mir auch Studienkollegen angeboten, mir bei der Übersetzung zu helfen.
Und plötzlich war alles weg! Die ganze Arbeit der letzten Stunden - der letzten zwei Stunden, um genau zu sein, wie ich dann sogleich erfahren durfte. Ein ungläubiger und unsicherer Blick zur Aufsichtsperson des Computerraums wurde dann sogleich mit einer Anwort beehrt: "Only two hours, next time, tomorrow again". Ich versuchte ihr dann zu erklären, dass sich meine ganze Arbeit auf dem Computer befunden hätte und ich nicht mehr dazu gekommen war, die Datei richtig abzuspeichern. Ich hatte zwar, vorsichtig wie ich bin, eine Version auf dem Arbeitsplatz gespeichert, nur war dieses Dokument beim Wiederhochfahren dann leider verschwunden. Auf alle Ewigkeit. Zwei Stunden harte Arbeit umsonst. Pech gehabt. "Tomorrow again, two hours".
Nun, eigentlich macht diese Vorschrift unter bestimmten Bedingungen ja Sinn. Zum Beispiel mittags, wenn viele Studenten die Computer benutzen wollen. Aber zu der fraglichen Zeit waren schon seit geraumer Zeit zwei Drittel der Arbeitsplätze unbesetzt, niemand hatte auf meinen Platz gewartet. Und trotzdem: Es war nichts zu machen. "Only two hours, tomorrow."
Vorschrift ist schließlich Vorschrift ist schließlich Vorschrift...
Eine ähnliche Vorschrift gibt es übrigens auch dahingehend, dass eine halbe Stunde vor Ende der Öffnungszeiten niemand neues mehr an die Arbeitsplätze rangelassen wird, auch nicht für nur zwei Minuten, um etwas auszudrucken. Selbiges ist meinem Studienkollegen Bastian neulich passiert, der eine der Arbeiten unbedingt schnell noch abends ausdrucken wollte/musste, da morgens vor Unterrichtsbeginn der PC-Raum noch nicht geöffnet hat. Aber es war leider bereits 18.35 Uhr und um 19.00 Uhr macht der Computerraum zu. Also, keine Zuteilung mehr eines Computers.
Vorschrift ist schließlich Vorschrift ist schließlich Vorschrift...
Zum Glück sah er einen anderen Studienkollegen an einem der Computer sitzen und ging zu ihm hin, um dort kurz über dessen PC das Dokument auszudrucken. Das hätte er lieber nicht tun sollen. Denn da kommt schon die nächste Vorschrift zum Tragen: an jedem Computer darf nur eine Person arbeiten. Und was Bastian da versuchte, sei ja die Höhe und wurde umgehend dahingehend geahndet, dass der Freund, der ihn an seinen Computer gelassen hatte bzw. lassen wollte, gleich mal seinen Computer-Zugang für einen Monat gesperrt bekommen hat. Da könnte ja jeder kommen.
Vorschrift ist schließlich Vorschrift ist schließlich Vorschrift...
Die gilt es einzuhalten, egal was. Ausnahmen von der Regel gibt es zumeist nur zwei: entweder Du bist mit der entscheidenden Person gut befreundet und bekommst quasi ein Auge zugedrückt oder Du bist der/die Vorgesetzte und darfst die Regel sowie brechen oder gleich ganz ändern. Alle anderen müssen sich an die jeweilige Vorschrift halten. Sinnvolle, situationsgerechte Einzelfallentscheidungen gibt es nicht. Denn das würde bedeuten, dass die betreffende Person für eine Fehlentscheidung ggf. auch die Verantwortung übernehmen muss. Dies ist allerdings ein Zustand, den fast alle Russen zu vermeiden versuchen, aus welchen Gründen auch immer. Wahrscheinlich spielt da die Geschichte, 70 Jahre Kommunismus und auch die Zarenzeit, eine nicht unerhebliche Rolle. Und so lange auch die letzten Relikte dieser Zeit nicht überwunden sind, gilt strengstens und ohne Ausnahme:
Vorschrift ist Vorschrift ist Vorschrift...